Transsylvanien – Dracula – verwunschene Landschaften. Abgenutzte Stereotypen und überholte Vorurteile, klaro. Durch den Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union schwappt mittlerweile einiges an touristischem Marketing nach Westeuropa, das dieses einseitige Bild korrigieren soll. Daran hatte gerade die Vorzeige-Puppenstube Sibiu mit ihrem Emblem der Kulturhauptstadt Europas 2007 ihren Anteil. Diese Assoziationen schleichen sich jedoch ganz fix wieder in das Bewusstsein, wenn man den größten Friedhof Bukarests, den Cimitirul Bellu, besucht.
Dieser Ort ist gleichzeitig unheimlich und faszinierend. Wer symmetrische Reihen mit Gräbern erwartet, alle ordentlich gepflegt und brav in Reih und Glied, der kann sich von seiner deutschen Ordnung-muss-sein-Haltung gleich verabschieden. Ein kaum ersichtliches System würfelt scheinbar willkürlich marmorne Grabsteine, schiefe Holzkreuze, üppige Kränze oder vertrockneten Blumenschmuck durcheinander. Alles steht hier kreuz und quer und ist bisweilen ohne körperlichen Einsatz kaum zu erreichen. Handgeschriebene Texte auf Grabsockeln erzählen vom Leben der Verstorbenen, Fotos geben einen Eindruck von den hier Bestatteten, und überall sieht man bereits die Namen derjenigen eingetragen, die sich im Voraus ein Plätzchen an der Sonne reserviert haben. Ganz schön makaber geht es hier auf dem orthodoxen Teil des größten Stadtfriedhofes zu.
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Nicht makaber, sondern vielmehr sarkastisch und bizarr sind die blauen Toilettenhäuschen, die hier und da direkt neben Grabmälern und steinernen Büsten aufgestellt sind. Wenigstens kann hier niemand mehr tot umfallen, wenn in der Blaupause Chemiekeulen-Gase produziert werden; gleichzeitig zerstört es irgendwie die Vorstellung von einem entrückten, alltagsfernen Ort. Irgendwie gruselig sind zudem die zahlreichen Häuschen, groß wie Gartenlauben, die sich die Reichen der Reichen haben bauen lassen, um auch mit ihrer letzten Ruhestätte ihrem einstigen Reichtum noch ein Denkmal zu setzen. Hinter aufwändigen Mosaiktüren lassen sich unter goldenen Namensschildern die Reste der verblichenen Familienmitglieder erahnen.
Überboten wird dieses Schauerspiel nur von den kleinen, verblassten Steinhäuschen, die hier und da zwischen den Gräbern stehen. Die schmiede-eisernen Eingangstörchen sind verrostet und mit Efeu überwuchert, hier hat schon lange niemand mehr Besuch bekommen. Durch zerbrochene Glasfenster in den Eingangstüren lässt sich ein Blick auf Treppen erhaschen, die in unterirdische Gewölbe führen und von abgebrannten Kerzen und vorhangdicken Spinnweben flankiert werden. Mächtige Raben fliegen von Grabstein zu Grabstein und picken hier und da im Blumenschmuck nach Essbarem. Sie verleihen der Szene einen hitchcockschen Touch, der das Ambiente noch unheimlicher macht.
“Die Vögel” trifft auf “Friedhof der Kuscheltiere” - genug des morbiden Ausflugs. Ich gehe lieber wieder irdischen Genüssen nach und setze mich, ganz unorthodox, in ein Café. Der Eingangsbereich ist komplett mit einem goldenen Mosaik ausgelegt. Und das Café heißt Festival. Irgendwie makaber.